Es ist lange nicht mehr so kalt gewesen. Nachts knackte das Haus so stark, wie seit Jahren nicht. Auch wenn man es ihm von außen nicht ansieht: Es ist ein Holzhaus mit Ständerbauweise und Holz ist und bleibt ein lebendiges Baumaterial. Es dehnt sich aus bei Hitze und zieht sich zusammen bei Kälte. Und je plötzlicher die Temperaturunterschiede, desto lauter der entspannende Knall im Gebälk.

Heute Nacht ächzte das Gebälk.

Als Kind fürchtete ich mich vor diesem Stöhnen und Ächzen im Gebälk im Elternhaus, später vergas ich die nächtlichen Geräusche und tat sie als längst verblasste Monster der Kindheit ab.

Bis letzte Nacht. Um drei wurde ich mit einem lauten Knall wach, dann prasselt ein schaurig klingendes Knistern das Galeriefenster entlang. Als würde als nächstes das haushohe Fenster zerspringen. Oje, was dann? Die Außenleuchte flackert auf. Wer treibt sich bei in dieser Eiseskälte mitten in der Nacht draußen herum? Es ist eine unheimliche und ungewohnt finstere Nacht, in der die Straßenbeleuchtung schon abends ausgefallen ist.

Letzte Nacht entstand Landschaftsbild Eisbaum

Morgens dann ein Blick zum Kirschbaum. Auch er hat die klirrend frostige Nacht überstanden. Stoisch steht er wie immer er auf seiner Wiese auf dem Lindelberg. Seine Wetterseite ist noch wild gezeichnet vom gestrigen Schneesturm, ansonsten ist der alte Baum jedoch unversehrt. Jeder einzelne Zweig in einem Eispanzer erstarrt und voller Hoffnung auf wärmende Sonnenstrahlen, die das Eis der Nacht zum Schmelzen bringen.

Landschaftbild Eisbaum nach einer klirrend frostigen Nacht

Landschaftbild Eisbaum nach einer klirrend frostigen Nacht